Nur ein Moment
 

Nur ein Moment, einen Moment für mich. Ich muss nur auf den richtigen Moment warten. Ich weiß, er wird kommen. Doch ich darf ihn nicht verpassen. Es sind nur wenige Sekunden, die mir bleiben. Aber dann wird alles ganz schnell gehen. Ich sitze ganz stur und gerade, versuche mich normal zu verhalten. Niemand soll wissen, wie es in mir aussieht. Mein Kopf schmerzt, er ist überladen. Ich kann einfach nicht mehr. Ich will nicht mehr. Mein Leben überfordert mich und ich finde keine Ruhe. Schon vor einiger Zeit bin ich von meinem Weg abgekommenen, habe mich selbst verloren. Jetzt stehe ich am Rande eines Abgrunds.

Ich wollte schon immer hoch hinaus. Doch je höher man kommt, desto tiefer wird man fallen. Und ich werde sehr tief fallen. Doch ich werde nicht alleine sein. Vielleicht ist es egoistisch von mir, aber nur so wird mein Ruf erhöht werden. Bald ist es soweit, ich lauere im Stillen. Immer diese oberflächlichen Unterhaltungen. Ich lache über einen faden Witz und versuche ruhig zu bleiben.

Endlich! Mein Kollege steht auf und überträgt mir das Kommando. Er scherzt noch, ich solle den Vogel nicht vom Himmel holen. Ich antworte mit einem selbstgefälligen Grinsen. Sobald er das Cockpit verlassen hat, verriegele ich die Tür. Allein! Endlich allein! Ich genieße die Ruhe und der Anblick vor mir versetzt mich wieder mal ins Staunen. So schön! Ein Bild, das man nicht vergessen sollte. Von ganz weit oben sieht die Welt so friedlich aus. Doch je näher man kommt und die Feinheiten sieht, vor allem die Menschen und das, was sie mit der Natur gemacht haben, sieht man die ganze Hässlichkeit unserer Existenz.

Mein Kollege steht vor der Tür, bittet um Einlass, doch ich unterbinde es. Ich lasse ihn nicht mehr herein. Jetzt habe ich die Kontrolle! Endlich kann ich entscheiden. Frei entscheiden, was geschehen soll, denn ich allein habe die Macht. Das Pochen an der Tür wird lauter. Es stößt meine Gedanken, doch die Entscheidung ist bereits gefallen. Hier soll es enden. Einfach, auf einen Schlag und mit einen lauten Knall. Wer wünscht es sich denn nicht kurz und schmerzlos zu gehen? Anstatt vielleicht jahrelang vor sich dahin zu vegetieren. Ich hatte noch nie viele Entscheidungsmöglichkeiten in meinem Leben. Manches lief gut, manches eher weniger. Ich halte nie viele Freunde, aber darüber war ich nicht enttäuscht. Die wenigen guten haben mir gereicht und mich unterstützt. Doch irgendwann geht jeder seiner Wege und man bleibt alleine zurück. Und das hier ist mein Weg, der ich gehen muss. Doch ich habe das Glück, dass ich ihn nicht allein beschreiten muss. Wenn auch nicht unbedingt freiwillig, so habe ich etliche Begleiter.

Ich packe das Steuer fest zu und leite den Sinkflug ein. Der Tower funkt mich an, doch ich antworte nicht. Mein Atem ist regelmäßig und mein Herz schlägt ganz normal in meiner Brust. Auch wenn das Klopfen und Rufen von der anderen Seite der Tür immer lauter und panischer wird, bewahre ich Ruhe. Alles ist so, wie es sein soll. Wie ich es mir vorgestellt habe, als ich mich für diesen Weg entschieden hatte. Ich werde jetzt gehen, aber nicht alleine und auch nicht ungesehen. Jeder soll es mitbekommen, die ganze Welt. Vielleicht werde ich damit etwas bewegen. Etwas, das ich auf andere Weise niemals gekonnt hätte. Und während der Berg näher kommt, sitze ich mit freudiger Erwartung in meinem Sitz und blende alle Geräusche aus. Ich zähle die Sekunden, bis das Flugzeug den Berg treffen wird und alles mit einem lauten Knall im gelben Lichtschein zu Ende geht. Voller Hoffnung und Vorfreude auf die Erlösung meines
Daseins und dem Ende all meiner Probleme. 3-2-1.

- Inspiriert von einer wahren Begebenheit -
 
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