- Prolog -

Wie konnte das denn geschehen? Es passierte alles so schnell. Eine Sekunde Unachtsamkeit, ein Blick zur Seite – Emilie konnte nicht mehr rechtzeitig auf die Bremse treten. Der Wagen vor ihr hatte unerwartet angehalten und sie konnte nur noch mitansehen, wie ihr kleiner Toyota in das Heck des schwarzen BMWs vor ihr krachte. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Wie sollte sie das ihren Eltern erklären? Sie hatte das Auto erst letztes Jahr zu ihrem 18. Geburtstag bekommen; ein Zeichen des Vertrauens.

Ihre Eltern schätzten sie sehr. Emilie galt immer als zuverlässige, vernünftige Tochter. Ganz anders als ihre Cousine Tracy, die mit ihren 20 Jahren schon das dritte Auto zu Schrott gefahren hatte. Trotz einer gewissen familiären Ähnlichkeit hätten sie hinsichtlich ihres Auftretens nicht unterschiedlicher sein können. Emilie hatte schwarze, schulterlange Haare, während Tracy ihre langen blondierten Haare gerne offen trug. Emilie hatte das ruhige Gemüt von ihrem Vater und das Aussehen von ihrer Mutter geerbt. Schon öfter hatte man ihr gesagt, dass sie ihrer Mutter aus dem Gesicht geschnitten sei. Sie hatte dieselben großen Augen und dieselben Grübchen, die sich schon beim kleinsten Lächeln zeigten. Tracys Züge wirkten eher kantig dagegen. Wenn sie lächelte, war dies eher verführerisch. Sie hatte ihre verrückte, verwegene Art von ihrer Mutter, Emilies Tante, abbekommen. Da Tracys Vater einen gut bezahlten Job hatte, bügelten ihre Eltern viel für sie aus. Bei Emilie war dies nicht ganz so einfach. Obwohl sie sich finanziell auch nicht beschweren konnten, hatten Emilies Eltern andere Prinzipien, was die Art ihrer Unterstützung ging.

Das Klopfen an der Fensterscheibe riss Emilie aus ihren Gedanken. Sie war komplett abgedriftet und realisierte voller Schrecken wieder, wo sie sich befand und was soeben geschehen war. Das Gesicht des Mannes, der zu ihr ins Fahrzeug starrte, wirkte sichtlich aufgeregt. Erst als Emilie die Tür öffnete und ihre langen Beine aus dem Auto schwang, änderte sich etwas in seinem Blick.

Emilie hatte mit ihren 19 Jahren kein Problem damit, ihre Figur zu halten. Sie war sportlich und achtete auch sehr auf ihre Ernährung. Nur ganz selten gönnte sie sich Fast-Food – zu wichtig waren ihr Disziplin und Ausdauer. Dreimal pro Woche trainierte sie mit Tracy im Fitnessstudio. Auch jetzt war sie auf dem Weg dorthin gewesen.

„Oh nein“, dachte Emilie. Sie würde definitiv zu spät kommen!

„Tut mir leid!“, stammelte Emilie. „Das ging alles so schnell. Ich konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen!“

Der fremde Mann schaute Emilie schweigend an. Sein Blick verweilte eine Sekunde zu lange auf ihr, bevor er sich räusperte.

Emilie kannte diese Art von Blicken nur zu gut. Sehr oft wurden sie und Tracy von hungrigen Männern auf diese Art und Weise angestarrt. Emilie konnte mit diesen Situationen nicht so gut umgehen. Ganz anders als Tracy, die in solchen Momenten noch mehr ihren Bauch einzog und die Schultern straffte, um ihre Brüste noch mehr zu betonen. Doch Emilie wusste auch, wie sowas ging; sie hatte in Tracy eine gute Lehrerin gehabt.

„Sie waren wohl abgelenkt“, konterte der Mann und zeigte auf ihr Handy, das in der Halterung vor der Lüftung zur Rechten des Fahrersitzes hing.

„Nein!“, entgegnete Emilie mit fester Entschlossenheit in ihrer Stimme. So einfach würde sie sich nicht abstempeln lassen.

„Sie haben einfach zu ruckartig und unerwartet gebremst!“

„Schon gut, schon gut!“, erwiderte der Mann und hob unschuldig die Arme. Auch er wusste, dass er unerwartet gebremst hatte.

„Ist ja zum Glück kein großer Schaden. Ihre Versicherung wird das sicher schon übernehmen“, besänftigte der Mann die Situation. „Sie haben doch eine Versicherung, oder?“, setzte der Mann noch hinzu.

Emilies Herz schlug wieder schneller. Doch dieses Mal aus anderen Gründen. Sie hatte sich bereits die Frage gestellt, ob der Mann mit ihr flirtete. Der Unterton in seinem letzten Kommentar zerstreute jeden Zweifel. Emilie war sich nun ganz sicher: Ja, dieser Mann flirtete mit ihr! Auch wenn er locker doppelt so alt war, fand sie ihn doch auf eine merkwürdige Art und Weise auch attraktiv. Mit seinen leicht grau melierten Haaren war sein Alter schwer einzuschätzen. Sie schätzte ihn jedoch auf Ende 40 oder sogar schon Anfang 50. Seine stahlblauen Augen und seine markanten Lachfalten um seine Mundwinkel ließen ihn unwiderstehlich auf sie wirken.

Emilie lächelte zurück: „Aber natürlich!“

Sie bewegte sich bewusst langsam und betont, als sie zur Beifahrerseite ihres Autos ging. Sie beugte sich hinein und zog das Kärtchen ihrer Autoversicherung aus dem Handschuhfach. Sie konnte sich gut vorstellen, wo sein Blick dabei ruhte. Die kurzen Shorts betonten ihre langen, braungebrannten Beine noch mehr. Der Sommer hatte bereits seit Mitte Mai volle Fahrt aufgenommen und Emilie eine nahtlose Bräune beschert.

„Hier sind die Daten“, sagte Emilie und reichte ihm die Karte.

„Emilie Hartmann“, las der Mann ihren Namen leise vor. Er ließ das Wort auf seiner Zunge zergehen. „Schöner Name“, fügte er hinzu, als er bemerkt hatte, dass Emilie ihn verstanden hatte.

„Also, Emilie“, wiederholte er ihren Namen und betonte ihn dabei etwas zu übermäßig, doch Emilie klebte bereits an seinen Lippen.

„Wenn es für dich in Ordnung ist, werde ich deine Versicherung kontaktieren und mich um diese Angelegenheit kümmern. Mach dir keine Sorgen, ich kenne mich mit solchen Dingen bestens aus. Ich bin selbst Geschäftsführer und muss mich um sehr viel Papierkram kümmern.“

Auch wenn er mit den letzten Worten nur Emilies Vertrauen gewinnen wollte, kamen ihr diese doch eher wie schamloses Prahlen vor.

„Tut mir leid, wenn ich Ihnen jetzt noch mehr Ärger bereite“, erwiderte Emilie. Sie meinte diese Worte auch genau so. Dieser Auffahrunfall war ihr doch mehr als peinlich.

„Nicht der Rede wert! Hier sind auch meine Kontaktdaten“, sagte der Mann und reichte ihr seine Visitenkarte. Emilie warf einen Blick darauf und konnte sich nur schwer ein Grinsen verkneifen.

„Am besten notiere ich Ihnen noch meine Handynummer“, fügte sie mit einem lieblichen Unterton hinzu.

„Gerne“, kam prompt seine Antwort, „aber bitte nenn mich Greg! Am besten machen wir auch noch ein paar Beweisfotos für die Versicherung. Dann müssen wir auch keine Polizei einschalten!“

An die Polizei hatte Emilie bisher noch gar nicht gedacht. Aber sie war auch froh, wenn man diesen Vorfall ohne zusätzliche Beamte klären könnte. Der Mann hatte bereits mit seinem Smartphone einige Fotos aufgenommen. Emilie tat es ihm gleich und holte ihr Handy aus dem Auto.

„Dann hätten wir soweit alles geklärt, oder?“, fragte Emilie, um sich nochmals abzusichern. Ihre Blicke trafen sich in diesem Moment und Emilie durchfuhr ein Schauer. Was hatte dieser Mann nur an sich? Auch er schien diesen Moment nicht unterbrechen zu wollen.

„Was dauert denn da so lange?“, schallte es plötzlich aus dem BMW. Die Beifahrertür ging auf und eine Frau mit erzürntem Blick stieg aus dem Wagen.

„Alles gut, Karen! Wir sind schon fertig“, rechtfertigte sich Greg und senkte seinen Kopf.

„Also ich werde dann die Versicherung kontaktieren“, verabschiedete er sich von Emilie.

Bewusst hatte er dieses Mal auf eine persönliche Anrede verzichtet, war aber auch nicht auf das förmliche Sie ausgewichen. Emilie blickte ihm fragend nach, als er zusammen mit seiner Frau zu seinem Wagen ging. Die beiden stiegen ein und fuhren davon.

„Was war da gerade nur geschehen?“, fragte sich Emilie.

Doch leider konnte ihr niemand diese Frage beantworten.

- 1 -

Wenige Minuten später traf Emilie am Fitnessstudio ein. Ihre Cousine wartete bereits auf sie.

„Da bist du ja“, rief Tracy sichtlich erleichtert. „Ich hatte mir schon langsam Sorgen um dich gemacht. Du kommst sonst nie zu spät!“

Rasch erzählte Emilie von dem kleinen Auffahrunfall und dem attraktiven älteren Mann. An der Begegnung mit Letzterem war Tracy sichtlich mehr interessiert.

„Diesen Kerl hätte ich locker um den Finger gewickelt!“, scherzte sie. Mit einem solchen Kommentar hatte Emilie schon fast gerechnet. Tracy wickelte gerne die Männer um ihre Finger. Das war nichts Neues. Doch als sie nun diese Worte aus Tracys Mund hörte, wurde ihr übel. Der Mann oder Greg, wie sie ihn nennen sollte, war sehr nett zu ihr gewesen. Er hätte auch ganz anders reagieren können. Sie hatte wirklich nicht an ihrem Smartphone gespielt, doch hätte die Polizei ihr das auch geglaubt? Emilie wollte sich nicht vorstellen, wie Tracy mit ihm umgegangen wäre. Den intensiven Blickkontakt und das Detail mit der Ehefrau ließ sie bewusst aus.

„Komm, lass uns reingehen. Der Spinning-Kurs hat bestimmt schon angefangen“, drängelte Emilie und hoffte, dass Tracy das Interesse an diesem Thema genauso schnell verlieren würde wie sonst an ihren Männern.

Obwohl Sport eine große Leidenschaft von Emilie war und ihr das Training normalerweise half, Stress abzubauen und einen klaren Kopf zu bekommen, konnte sie sich heute nicht auf ihre Übungen konzentrieren. Immer wieder drifteten ihre Gedanken zu Greg ab.

Sie hatte ihm gegenüber definitiv eine starke Anziehung gespürt. Was es genau war, konnte sie zwar nicht beim Namen nennen, doch hatte bisher niemand so leicht ein solches Gefühl in ihr ausgelöst. Hatte der Schrecken vom Unfall dazu beigetragen? Emilie konnte es einfach nicht verstehen. Sie versuchte sich an der nächsten Übung, doch nach ein paar Sekunden war sie in Gedanken wieder bei Greg.

Es war ziemlich blauäugig gewesen, ihm ihre Handynummer aufzuschreiben. Natürlich hätte sie sich denken können, dass ein Mann wie er verheiratet ist. Wahrscheinlich war er sogar Familienvater! Doch wieso hatte er mit ihr geflirtet? Auch wenn Emilie es nicht hätte wissen können, er selbst hatte doch gewusst, dass seine Frau im Auto saß. Und dennoch hatte er sich ihr gegenüber so offen und vertraut verhalten. Oder war das einfach seine Art? War er so ein Typ Mann, der einfach jeder Frau gegenüber seinen Charme spielen ließ? Um sich selbst immer wieder aufs Neue zu beweisen, was für ein toller Kerl er doch war. War sie vielleicht nur auf einen Blender hereingefallen? Und hatte sie sich jetzt lächerlich gemacht, weil sie direkt darauf angesprungen war und ihm freiwillig ihre Nummer gegeben hatte?

„Erde an Emilie!“ – Tracys Worte drangen plötzlich zu ihr durch. „Oh Mann, wo bist du denn in Gedanken gewesen?“

Emilie zuckte mit den Schultern. „Heute ist nicht mein Tag“, entschuldigte sie sich. „Ich glaube, ich mache Schluss für heute!“

„Der Unfall hat dich wohl ziemlich aus der Bahn geworfen. Oder war es eher dieser Mann?“, neckte Tracy.

Emilie boxte Tracy liebevoll in die Seite.

„Oh! Da hab ich wohl ins Schwarze getroffen“, fuhr Tracy fort und grinste bis über beide Ohren.

„Tu nicht so blöd“, gab Emilie zurück. „Ich bin fertig für heute. Kommst du mit oder bleibst du noch?“

Tracy blickte sich um. „Ach was solls, ich komme mit.“

„Wohl kein interessanter Typ mehr da“, dachte Emilie und verkniff sich diesen bösen Kommentar. Heute hatte wohl nur Emilie das Glück, eine neue Bekanntschaft gemacht zu haben.

- 2 -

Aber auch zu Hause konnte Emilie keine Ruhe finden. Immer wieder hatte sie die Szenen vom Vormittag vor Augen. Das erzürnte Gesicht an ihrer Scheibe und der Blick des Mannes, der sich plötzlich verändert hatte, als sie aus dem Wagen gestiegen war. Wie Rauch war seine Wut innerhalb eines Augenblicks verschwunden gewesen. Emilie war sicher, sie hatte sich das nicht nur eingebildet.

Und sie verstand auch nicht, warum sie diese Momente nicht aus dem Kopf bekommen konnte. Der Mann hatte ihr versichert, sich um die Abwicklung des Schadens zu kümmern. Sie bräuchte sich nicht weiter damit zu befassen. Für sie wäre das Thema somit eigentlich erledigt.

Aber so einfach wurde es ihr dann doch nicht gemacht.

„Emilie! Emilie komm sofort runter!“, schrie es plötzlich aus dem Wohnzimmer. Ihr Vater war gerade nach Hause gekommen und es wäre nicht ihr Vater gewesen, wenn ihm nicht sogleich der Schaden an ihrem Auto aufgefallen wäre.

Emilie hatte die Sekunden gezählt – vom Zufallen der Haustür bis zum Ruf ihres Namens. Ihr Vater stand bereits mit verschränkten Armen mitten im Raum.

„Junge Dame“, ermahnte er sie. „Was ist denn mit deinem Auto passiert?“

Emilie wusste, es würde keinen Sinn machen, sich dumm zu stellen oder den Vorfall zu leugnen. Also schilderte Emilie ganz sachlich den Auffahrunfall, der wirklich nur einen kleinen Kratzer an der vorderen Stoßstange verursacht hatte. Ihrer Mutter wäre dieser Kratzer wahrscheinlich nicht mal aufgefallen. Emilie fand ihn auch nicht der Rede wert. Ganz anders ihr Vater, der diese Sache natürlich ganz genau erörtern wollte. Seine erste Frage, wie dies passieren konnte, zielte auch auf ihr Handy ab. Seiner Meinung nach waren die jungen Leute viel zu leicht abzulenken und hingen rund um die Uhr nur an ihren Smartphones. Auch wenn Emilie viel Zeit an diesem Gadget verbrachte, wie ihr Vater diese Geräte auch manchmal nannte, so hatte sie großen Respekt vor dem Straßenverkehr und es sich zu einer goldenen Regel gemacht, das Handy während der Fahrt nicht zu bedienen.

Und bisher hatte sie diese Regel auch noch nicht gebrochen! Daher konnte sie ihrem Vater auch fest in die Augen schauen und ihm versichern, dass ihr Handy diesen Unfall nicht verursacht hatte. Das Auto vor ihr hatte einfach abrupt gebremst.

„Wie hat denn die Polizei den Unfall eingestuft?“, fragte ihr Vater weiter.

Während Emilie die Antwort hinauszögerte, konnte sie sehen, wie ihr Vater die Stirn runzelte und die Augen zusammenkniff. „Jetzt sag nicht, dass du die Polizei erst gar nicht gerufen hast.“

Emilie schüttelte den Kopf. „Nein, das habe ich ehrlich gesagt nicht. Der Schaden war so minimal, da hielten wir beide das nicht für nötig.“

Sam war fassungslos. Er konnte nicht glauben, was seine Tochter für einen Unsinn von sich gab. Hatte er ihr nicht immer gepredigt, egal was im Straßenverkehr geschieht, immer, aber wirklich immer, die Polizei zu rufen? Wie konnte sie nur so dumm und naiv sein? Was war nur aus seinem kleinen Mädchen geworden?

„Ich glaub’s einfach nicht“, fuhr er fort und strich sich mit der Hand durch sein Haar. Für sein Alter hatte er immer noch dichtes, dunkles Haar, welches er mit großem Stolz täglich pflegte.

„Aber Papa, ich habe doch eine Versicherung!“, versuchte Emilie die Situation zu beruhigen.

„Die Versicherung zahlt aber nicht den Schaden an deinem Auto!“, schimpfte Sam weiter.

„Hierfür wirst du selbst aufkommen müssen. Das zahlst du von deinem Taschengeld!“

„Das ist doch nur ein kleiner Kratzer. Du übertreibst total“, beschwerte sich Emilie. „Mama würde den gar nicht sehen.“

„Wie gut, dass ich nicht deine Mutter bin. Du fährst in die Werkstatt und lässt einen Kostenvoranschlag machen. Dann sehen wir weiter.“

„Aber Papa“, begann Emilie.

„Keine Widerrede! Sonst fährst du die nächste Zeit nirgendwo hin!“ Die Diskussion war beendet und Emilie trottete zurück in ihr Zimmer. Sie wusste, wenn sie ihr Auto behalten wollte, musste sie dem ‚Wunsch’ ihres Vaters nachkommen. Dass der Fahrer – der Mann, den sie Greg nennen sollte – die ganze Angelegenheit mit der Versicherung übernehmen wollte, hatte sie ihrem Vater gegenüber nicht erwähnt. Ihr Vater hatte schon deutlich gemacht, dass es dumm gewesen war, nicht die Polizei zu rufen. Was hätte er dann davon gehalten, die andere Partei den Schaden alleine abwickeln zu lassen?

Und dazu gleichzeitig noch mit diesem Mann zu flirten, der vom Alter womöglich ihr Vater hätte sein können.

Nein, manche Sachen konnte sie mittlerweile nicht mehr mit ihrem Vater besprechen. Diese Zeiten waren inzwischen vorbei.

- 3 -

Emilie wachte schweißgebadet mitten in der Nacht auf. Ihr Herz überschlug sich und sie musste hart schlucken. Im ersten Moment wusste sie gar nicht, wo sie war. Der Traum hatte sich so realistisch angefühlt. Kaum zu glauben, dass es wirklich nur ein Traum gewesen war. Sie drehte sich zur Seite und schaltete die Nachttischlampe ein. Ja, sie lag definitiv in ihrem Bett, in ihrem Zimmer. Zum Glück!

Der Traum hing ihr noch nach, als sie durch den Flur in ihr eigenes Badezimmer schlich. Sie spritzte sich Wasser ins Gesicht und beugte sich nach vorne über das Waschbecken, bis ihr Gesicht nur noch wenige Zentimeter vom Spiegel entfernt war. Sie starrte ihr Spiegelbild an und flüsterte seinen Namen: „Was machst du nur mit mir, Greg?“

Das Wasser hatte ihre Benommenheit etwas reduziert, aber das Kribbeln in ihrem Bauch wollte nicht verschwinden.

Emilie kletterte zurück in ihr Bett. Sie musste wieder an diese verrückten Bruchstücke aus ihrem Traum denken. Seine Hände auf ihren Brüsten; seine Lippen, die sanft ihren Hals liebkosten.

Auch wenn der Liebhaber in ihrem Traum viel jünger war, wusste sie, dass es Greg sein sollte. Was wollte dieser Traum ihr mitteilen? Dass Greg eigentlich zu alt war und sie es doch besser wissen müsste? Dass ihre Leidenschaft zwar geweckt worden war, sie aber auf die Stimme der Vernunft hören sollte? Sie durfte auch nicht vergessen, dass er eine Frau hatte. Dieser Fakt rutschte in ihren Gedanken immer wieder ganz nach hinten. Aber wäre eine Ehefrau wirklich ihr Problem oder doch eher seins?

Emilie rollte sich von einer Seite zur anderen und versuchte eine bequeme Position zum Einschlafen zu finden, aber irgendwie wollte es ihr nicht gelingen.

Sie griff zu ihrem Handy und scrollte noch ein bisschen durch die sozialen Medien. Ob Greg wohl auf Facebook zu finden wäre? Ihr Herz schlug schneller, als sie seinen vollständigen Namen in das Suchfeld eingab. Sollte sie es wagen? Was konnte schon schiefgehen? Eine einfache Suche würde niemandem wehtun. Emilie drückte auf 'Suchen' und es dauerte nur wenige Sekunden, bis ihr mehrere Personen, die Greg Warner hießen, angezeigt wurden. Als sein charmantes Gesicht ihr vom Foto des dritten Treffers zulächelte, hatte sie das Gefühl, ihr Herz würde gleich aus ihrer Brust springen.

Da war er also, der Mann, den sie Greg nennen sollte. Sie fackelte nicht lange und klickte auf sein Profil. Leider war es privat und sie konnte keine Posts sehen. Wobei sie ohnehin nicht glaubte, dass er als Geschäftsmann dort besonders aktiv war.

Einzig seine Profilbilder konnte sie durchklicken. Auf dem aktuellen Bild war sein Haar noch länger und gänzlich schwarz gewesen. Laut Timestamp lag es schon über ein Jahr zurück. Die anderen Fotos waren noch älter. Sie zeigten Greg im Pool, Greg in den Armen seiner Frau und Greg an Weihnachten mit Frau und zwei Kindern vor einem prächtigen Weihnachtsbaum. Ihr Herz machte einen Satz und sie fühlte sich, als hätte man es mit einem Dolch durchbohrt. Emilie sperrte den Bildschirm und legte das Handy weg.

Sie drehte sich auf die andere Seite und versuchte zu verstehen, was sie soeben erfahren hatte. Greg war Vater von zwei Kindern! Und sie hatten alle so glücklich ausgesehen. Sie dachte zurück an ihre eigene Familie, an ihre glücklichen Weihnachtsfeste.

Was war los mit ihr? Sie hatte sich doch nur seine Profilfotos angeschaut. Daran war nichts Verbotenes oder Verwerfliches. Wieso hatte sie plötzlich so ein schlechtes Gewissen und Schmerzen in ihrer Brust? Konnte eine einfache Suche doch schmerzhaft sein? Sie unterdrückte eine Träne.

Ja, es konnte schmerzhaft sein! Aber was hatte sie erwartet, dort zu finden oder zu sehen? Was posten Menschen auf Facebook? Emilie drehte sich erneut um und griff nochmals nach ihrem Handy. Das Weihnachtsfoto erschien direkt wieder. Wie ihr der Timestamp verriet, war das Bild schon sechs Jahre alt. Die Kinder waren also gar keine Kinder mehr, sie waren mittlerweile auch schon Teenager! Wenn nicht sogar in ihrem Alter. Doch was machte das letztendlich für einen Unterschied? Er hatte eine Familie! Das konnte Emilie drehen und wenden, wie sie wollte. Diese Tatsache ließ sich nicht ändern.

Plötzlich tauchte neben seinem Profilbild ein grüner Punkt auf, der symbolisierte, dass die Person ebenfalls eingeloggt ist. Schnell schaltete Emilie das Handy wieder aus. Natürlich konnte Greg nicht wissen, dass sie gerade auf seinem Profil gewesen war. Doch die Vorstellung, dass er auch nicht schlafen konnte und auf Facebook unterwegs war, ließ das Kribbeln in ihr zurückkommen. War er immer noch der glückliche Familienvater von seinem alten Profilbild?

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Verrat – Illustration
ISBN: 978-3-565327-64-5
96 Seiten

EPUB ISBN: 978-3-565690-54-1