HEIMGEKEHRT
 

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-Prolog-

Es war Samstagabend und ich lief verträumt durch die Straßen. Plötzlich sah ich sie! Ein kleines Mädchen stand an einer Bushaltestelle, etwas entfernt von den anderen Menschen, die auf den Bus warteten.

Im ersten Moment glaubte ich einen Engel zu sehen. Sie wirkte so unschuldig und zerbrechlich. Auf den ersten Blick schien das Mädchen makellos zu sein. Die Wangen waren leicht gerötet. Mit ihren großen Augen, dem feinen Mund und der kleinen Stupsnase war sie schon jetzt eine richtige Schönheit. Ihr goldenes Haar glänzte im Mondlicht und fiel locker um ihre Schultern. Einzig das hellblaue Sommerkleid wirkte fehl am Platz.

War ihr nicht kalt? Immerhin war es schon Anfang Herbst und die ersten Blätter hatten sich bereits bunt gefärbt. Auch wenn es ein milder Abend war, wirkte das Kleidchen doch etwas unpassend. In der Hand hielt sie einen Regenschirm. Von dem Regen und geschweige den Eltern fehlte jede Spur.

Als sich unsere Blicke trafen, wusste ich es. Das ist meine Mission! Meine gute Tat für heute! Ich warf ihr ein schwaches Lächeln zu, welches sie selbstsicher erwiderte. Davon bestätigt, näherte ich mich ihr und sprach sie an. Fragte, was sie denn so spät und ganz allein noch hier mache. Doch statt mir zu antworten, schaute die Kleine mir tief in die Augen. „Siehst du den Kerl mit der Kapuze?“, fragte sie mich.

Ich sah ihn! Ein paar Meter weiter saß ein Mann auf der Bank vor der Haltestelle. Er war vielleicht Anfang dreißig und hatte einen kurzen Bart. Seine Kapuze war tief ins Gesicht gezogen und sein verstohlener Blick ruhte auf uns. Ich nickte leicht und das Mädchen fuhr fort. „Er verfolgt mich!“

Mit großen Augen starrte ich die Kleine an. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein! Mein Gesichtsausdruck schien für sich zu sprechen, denn ohne weitere Erklärungen packte sie meinen Arm und zog mich ein Stück zur Seite. „Komm, ich beweise es dir!“

Wir bewegten uns auf den Mann zu. Als wir näher kamen, blickte er mir direkt in die Augen. Er hatte schon etwas Furchteinflößendes an sich, da musste ich dem Mädchen recht geben. Langsam schoben wir uns an ihm vorbei. Erst als wir außerhalb seiner Reichweite waren, ließ das Mädchen meinen Arm wieder los. Ich hörte ein leises Rascheln und ohne mich umdrehen zu müssen, wusste ich, dass der Mann aufgestanden war. Noch hörte ich keine Schritte, die uns folgten, aber dennoch mahnte mich das Mädchen zur Eile.

Wir liefen die Straße hinunter und bogen mehrmals in kleinere Seitenstraßen ab. Ich hoffte, dass das Mädchen sich hier auskannte, denn ich war mir nicht sicher, ob ich den Rückweg finden würde. Plötzlich blieb das Mädchen stehen und ich lehnte mich an eine Hauswand. Nur einmal kurz verschnaufen! Während ich mich schon in Sicherheit wiegte, flüsterte mir die Kleine etwas ins Ohr. „In einer Minute sind wir tot!“

Erschrocken sprang ich auf und wusste nicht, wohin ich fliehen sollte. Als hätte sie meine Panik vorhergesehen, zog mich das Mädchen zurück und hielt mich am Arm fest. „Er wartet schon hinter dieser Ecke auf uns!“ Die Worte kamen ganz emotionslos aus ihrem Mund. Sie packte ihren Regenschirm fester und hielt ihn wie eine Waffe vor sich. Im Lichtschein der Straßenlaterne blitzte die Spitze des Schirmes auf. Als sie damit selbstsicher um die Ecke sprang, sah er aus, wie ein messerscharfer Dolch. Im ersten Moment hielt ich alles für einen schlechten Scherz. Konnte der Mann uns wirklich den Weg abgeschnitten haben? Woher sollte er denn wissen, durch welche Straßen wir gelaufen waren? Auch konnte ich mir nicht vorstellen, woher das Mädchen wissen konnte, was uns hinter dieser Ecke erwarten sollte.

Doch als ich dann die typischen Geräusche eines Handgemenges und ein darauf folgendes Stöhnen vernahm, wurde ich eines Besseren belehrt. Ich riss mich aus meinen Gedanken und machte tapfer einen Schritt um die Ecke. Entsetzt musste ich mit ansehen, wie das Mädchen die dolchartige Spitze des Regenschirmes aus der Brust eines Mannes zog, um dann gleich damit erneut zuzustechen. Mordlust blitzte schelmisch in ihren Augen auf und ihr Lächeln schien immer breiter zu werden. Es war der Mann von der Bushaltestelle!

Die Kleine hatte recht gehabt. Nicht nur damit, dass er sie verfolgt hatte. Nein, auch damit, dass er uns hinter dieser Ecke aufgelauert hatte. Womöglich wären wir sogar in der nächsten Minute tot gewesen. Doch nun hatte es nicht uns erwischt, sondern ihn!

Nachdem das Mädchen immer wieder auf den hilflosen Mann eingestochen hatte, konnte ich mir dieses schreckliche Schauspiel nicht länger ansehen. Ich rief ihr zu, doch sie reagierte nicht. Dieser Mann konnte uns nun wirklich nichts mehr anhaben. Mit aller Kraft gelang es mir, das Mädchen zur Seite zu ziehen und ihr den Schirm zu entreißen. Sie war noch immer von Adrenalin gesteuert und ich konnte sie kaum beruhigen. Erst nachdem ich die Kleine fest in den Arm genommen hatte, schien sie die Realität um sich herum wieder wahrzunehmen. Ich ließ sie los und sofort wich sie aus meiner Umarmung zurück.

Das Mädchen hob ihren Schirm auf und schaute mich bitter an. „Lass uns hier verschwinden!“, befahl sie mir in einem Ton, der keine Widerworte duldete. Den Mann und die blutige Tat erwähnte sie mit keinem Wort. Um ganz sicher zu sein, dass ich nicht alles nur geträumt hatte, blickte ich kurz zurück.

Der Mann lag noch immer da. Er war zusammengekrümmt und langsam breitete sich eine Blutlache unter seinem Körper aus. Die Kapuze war zurückgeschoben und enthüllte den Blick auf sein Gesicht. In dem fahlen Licht wurde es noch stärker betont und seine markanten Wangenknochen stachen besonders hervor. Er hatte schwarzes Haar, das er zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Seine toten Augen starrten mir nach, als wir um die Ecke verschwanden.
Ich stand noch immer unter Schock und ließ mich willenlos von der Kleinen durch die Gassen führen.

Ein mystischer Zauber lag zwischen uns. Um diesen nicht zu brechen, sprach keiner ein Wort. Es war der Zauber des Vergessens und Verdrängens. Sollte er jemals brechen, wäre es Zeit geworden, sich mit dieser grauenvollen Tat auseinanderzusetzen, die Risiken und Folgen zu bedenken und sich selbst die Fehler eingestehen, die wir begangen hatten. Aber so waren die Realität und die grausigen Geschehnisse ganz weit weg, verborgen hinter einem grauen Nebelschleier.

Wir kamen gerade noch rechtzeitig zur Bushaltestelle zurück. Der nächste Bus nahte bereits und stoppte zeitgleich mit unserem Eintreffen. Das Mädchen stieg direkt ein, lächelte mir zu und winkte noch zum Abschied. Dann schlossen sich die Türen und der Bus verschwand in der Nacht.

Mitsamt dem Mädchen, dem Regenschirm und ihrem Motiv. Und ich kannte noch nicht einmal ihren Namen.

ISBN: 978-3-8442-8161-3
88 Seiten

EPUB ISBN: 978-3-7375-8689-4

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